Nach 12 Jahren im Amt des Münchner Oberbürgermeisters wurde Hans-Jochen Vogel Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und Mitglied der Bundesregierung. Während seiner langen politischen Karriere erarbeitete er sich den Ruf eines kompromissbereiten Politikers, der bereit war, unterschiedliche Meinungen anzuhören. Mit den Jahren wurde er in seinen Ansichten immer liberaler. Der Münchner glaubte leidenschaftlich an den menschlichen Fortschritt, die Vernunft und die Chancengleichheit für alle Mitglieder der Gesellschaft. Mehr über einen der beliebtesten und einflussreichsten Oberbürgermeister europäischer Großstädte erfahren Sie auf munichyes.eu.
Militärdienst
Hans-Jochen Vogel wurde am 3. Februar 1926 in der niedersächsischen Stadt Göttingen geboren. Als aktiver Katholik trat er in jungen Jahren der Hitlerjugend bei, einer nationalsozialistischen Jugendorganisation, und wurde später Führer einer Einheit. Da er aus einer politisch aktiven Familie stammte, kritisierte der junge Vogel das NS-Regime zunächst nicht.
Während des Zweiten Weltkriegs leistete Vogel seinen Pflichtdienst in der Hitlerjugend. 1943 trat er der deutschen Wehrmacht bei. Während eines Einsatzes in Italien wurde er verwundet und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Juristische Karriere
Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft studierte Hans-Jochen Vogel Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1951 legte er die Prüfung als Rechtsanwalt ab und wurde Beamter im Freistaat Bayern, wo er seine Karriere aufbaute und Bekanntheit erlangte.

1952 trat er in das bayerische Justizministerium ein. Mit 28 Jahren wurde er Richter am Amtsgericht, und ein Jahr später übernahm er den Vorsitz einer Kommission, die sich mit der Überarbeitung des bayerischen Rechts befasste. 1958 wurde Vogel zum juristischen Sekretär des Münchner Stadtrats ernannt.
Oberbürgermeister von München
1960 wurde der 34-jährige Hans-Jochen Vogel zum Oberbürgermeister von München gewählt. Damit wurde er der jüngste Oberbürgermeister einer europäischen Millionenstadt. Seine Popularität stieg weiter, nachdem er erfolgreich Probleme im Straßenverkehr durch den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs löste.

1966 wurde er erneut gewählt. Ein Jahr zuvor überzeugte er den Internationalen Olympischen Ausschuss in Rom, München als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1972 zu bestimmen. Vogel setzte sich intensiv für die Vorbereitung der Stadt auf die Spiele ein. Dabei entstanden unter anderem der Olympiapark und mehrere Verkehrsinfrastrukturen.
Der Erfolg der Olympischen Spiele wurde jedoch von einem tragischen Terroranschlag überschattet. Eine Gruppe palästinensischer Terroristen drang ins Olympische Dorf ein, tötete zwei israelische Athleten und nahm neun weitere als Geiseln. Bei der anschließenden Schießerei zwischen Terroristen und Polizei kamen alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist ums Leben.
Bundesminister und Kanzlerkandidat
1972 trat Vogel als Oberbürgermeister zurück und wurde noch im selben Jahr Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau unter Bundeskanzler Willy Brandt. Nach Brandts Rücktritt 1974 wurde Vogel Justizminister im Kabinett von Helmut Schmidt. Während seiner siebenjährigen Amtszeit modernisierte und liberalisierte er das westdeutsche Strafrecht, förderte das Recht auf Abtreibung, reformierte das Scheidungsrecht und verschärfte Strafen für Diskriminierung.
1981 wurde Vogel als kommissarischer Regierender Bürgermeister von West-Berlin eingesetzt, um die SPD vor einem Korruptionsskandal zu bewahren. In nur 100 Tagen sorgte er für Reformen und setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein.

1983 kandidierte Vogel als Kanzlerkandidat der SPD, konnte jedoch nicht gewinnen. Dennoch blieb er Oppositionsführer und leitete die SPD bis 1991. Er stärkte die pragmatische und reformistische Ausrichtung der Partei und trug wesentlich zu deren Erfolgen nach dem Zweiten Weltkrieg bei.

Persönliches Leben und Tod
Hans-Jochen Vogel war zweimal verheiratet und hatte drei Kinder. Ab 2014 litt er an der Parkinson-Krankheit, die er öffentlich machte, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Er starb 2020 in München im Alter von 94 Jahren.