Der Erste Weltkrieg (1914–1918) zählt zu den blutigsten Konflikten der Menschheitsgeschichte. Er forderte Millionen von Menschenleben und veränderte die politische Landkarte Europas grundlegend. München, als bayerische Hauptstadt und wichtiges kulturelles sowie administratives Zentrum Deutschlands, blieb zwar von großen Frontkämpfen verschont. Im Gegensatz zu den Kampfzonen in Frankreich, Belgien oder Osteuropa, wo die entscheidenden Schlachten tobten, fungierte München als Stadt im Hinterland. Hier gab es keine Schützengräben oder Artilleriebeschuss, wie man ihn aus Verdun oder von der Somme kennt.
Doch der Begriff „Kämpfe um München“ lässt sich breiter interpretieren: Er umfasst die Beteiligung Tausender Münchner und Bayern an fernen Schlachten, die Mobilisierung der Armee aus der Stadt heraus sowie den enormen Einfluss auf den Kriegsverlauf. Dieser Text beleuchtet die Rolle Münchens im Kontext des Ersten Weltkriegs, gestützt auf historische Fakten, und ist dem Gedenken an all jene gewidmet, die ihre Heimat verließen, um für das Kaiserreich zu kämpfen. Mehr spannende Einblicke in die Geschichte Münchens finden Sie auf der Seite munichyes.eu/de.
Mobilmachung: Vom Jubel zur bitteren Realität

Für München begann der Krieg am 28. Juli 1914, als die Krise nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Europa eskalierte. Am 1. August rief Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung aus. Auf dem Odeonsplatz in München versammelten sich Tausende von Menschen. Sie sangen die „Wacht am Rhein“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ und glaubten fest an einen schnellen, siegreichen Krieg. Der bayerische König Ludwig III., wegen seiner Liebe zur Landwirtschaft oft scherzhaft als „Milchbauer“ bezeichnet, trat auf den Balkon des Wittelsbacher Palais und verkündete die Mobilisierung. Bayern besaß – obwohl ein autonomer Teil des Deutschen Kaiserreichs – eine eigene Armee, die bis 1918 auf rund 550.000 Soldaten anwuchs.
München wurde zum zentralen Verkehrsknotenpunkt. Vom Hauptbahnhof fuhren täglich Züge voller Reservisten und Soldaten an die Front. Das Wehramt am Winzererplatz (heute Winsenerplatz) war die logistische Schaltzentrale: Hier wurden Einheiten gebildet und Munition ausgegeben. Rund 13.000 Münchner wurden täglich medizinisch untersucht. Die ersten Züge rollten bereits am 4. August in Richtung Frankreich. Viele glaubten naiv: „Vor Weihnachten sind wir wieder daheim!“ Doch die Realität erwies sich als grausam. Bayern entsandte drei aktive Korps und drei Reservekorps, insgesamt über 200.000 Kämpfer, an die Westfront.
Obwohl es keine direkten Bodenkämpfe gab, erlebte die Stadt erste Schläge aus der Luft. Am 10. März 1916 warfen französische Flieger drei Bomben auf die Stadtteile – es war einer der ersten Luftangriffe auf Deutschland überhaupt. Die Schäden waren gering, doch die Angst breitete sich schnell aus. Münchner suchten Schutz in Kellern, während die Behörden die Luftverteidigung verstärkten. Dieser Vorfall symbolisierte, dass der Krieg auch im scheinbar sicheren Hinterland angekommen war.
Bayern an den Fronten: Schlüsselmomente mit Münchner Beteiligung

München selbst sah keine Schützengräben, aber seine Söhne starben in den blutigsten Schlachten Europas. Die bayerische Armee, die sich aus lokalen Rekruten zusammensetzte, spielte an der Westfront eine wichtige Rolle.
Die Schlacht an der Marne (6.–12. September 1914) war die erste große Niederlage der Deutschen. Nach dem Schlieffen-Plan sollte die 1. Armee unter General von Kluck Paris umzingeln. Das bayerische VI. Korps (etwa 40.000 Soldaten, viele aus München) marschierte durch Belgien. Sie trafen an der Marne auf die Franzosen. Die Kämpfe waren brutal: Artillerie, Kavallerieangriffe, Mann gegen Mann. Die Bayern hielten die Flanke, doch die Alliierten (Frankreich und Großbritannien) durchbrachen die Linie. Die Verluste beliefen sich auf 250.000 Deutsche, darunter Tausende Bayern. München erhielt die ersten Verlustlisten – ein Schock für die anfänglichen Kriegsenthusiasten.
Die „Weihnachtsschlacht“ war ein deutscher Versuch, die belgische Verteidigung zu durchbrechen. Die bayerische Reserve-Division (einschließlich der 16. bayerischen) stürmte Schützengräben bei Ypern. Hier wurde zum ersten Mal Giftgas (Chlor) eingesetzt. Münchner Freiwillige wie Adolf Hitler (damals Gefreiter im List-Regiment) erlebten die Hölle: Regen, Schlamm, Gasangriffe. Die Bayern verzeichneten 5.000 Gefallene. Die Schlacht stabilisierte zwar die Front, kostete aber beide Seiten 100.000 Leben.
Eine der furchtbarsten war die Schlacht an der Somme – 1,2 Millionen Verluste insgesamt. Die Briten griffen an, die Deutschen verteidigten. Die bayerische 18. Reserve-Division (mit Münchner Beteiligung) hielt die Gräben bei Thiepval. Am 1. Juli stürmten die Briten – 57.000 Verluste an einem einzigen Tag. Die Bayern konterten mit Mörsern. Hier fiel der Maler Franz Marc, ein Münchner Expressionist und Freiwilliger. Bayerische Verluste: über 10.000. Die Somme wurde zum Symbol des sinnlosen Sterbens – die Gräben waren mit Wasser gefüllt, Leichen verwesten im Schlamm.
Die Schlacht um Verdun wurde zur „Knochenmühle“ – 700.000 Verluste. Der deutsche General Falkenhayn wollte Frankreich „ausbluten“ lassen. Bayerische Divisionen (3. und 4. Gardedivision) stürmten die Forts von Douaumont. Die Artillerie feuerte Tausende von Granaten pro Stunde, die Erde bebte. Münchner hielten unter einem Kugelhagel die Linie, wo die Temperaturen in der Hitze der Kämpfe 50°C erreichten. Die Bayern eroberten Schlüsselhöhen, doch die Front erstarrte. Es starben 163.000 Franzosen und 143.000 Deutsche.
Auch die Dritte Schlacht bei Ypern ging in die Geschichte ein. Regen verwandelte Flandern in ein Sumpfgebiet. Die 1. bayerische Garde-Division verteidigte sich gegen Kanadier und Briten. Münchner Soldaten versanken im Schlamm, kämpften gegen Ratten und den Typhus. Verluste: 500.000. Die Schlacht brachte keinen Durchbruch, zerrüttete aber die Moral.
Bayern kämpften auch an der Ostfront (Tannenberg, 1914) und in Italien (am Piave, 1917). Insgesamt verlor Bayern 350.000 Tote – 13 % seiner Bevölkerung. Münchner Zeitungen druckten täglich Nekrologe, die Friedhöfe mussten erweitert werden.
Das Hinterland: Hunger und Streiks in München

Während die Soldaten starben, hungerte München. Die Blockade der Alliierten lähmte den Import. Im Winter 1916/17 herrschte der sogenannte „Kohlrübenwinter“: Es gab keine Kartoffeln, man aß stattdessen Kohlrüben, was Durchfall verursachte. Brot gab es nur mit Bezugsscheinen, Fleisch höchstens einmal pro Woche. In der Stadt brachen Epidemien aus: Typhus und die „Spanische Grippe“ (1918) forderten 5.000 Münchner Todesopfer. Frauen arbeiteten in Fabriken (die Bayerische Motoren Werke, heute BMW, stellte Flugzeugmotoren her). Der Antisemitismus verschärfte sich: 1916 wurden „Judenlisten“ erstellt, um jüdische Bürger der Dienstverweigerung zu bezichtigen. Dennoch dienten jüdische Münchner Seite an Seite mit ihren Kameraden – 12.000 aus Bayern, von denen 1.800 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden.
Im Januar 1918 brachen Streiks aus: 10.000 Münchner forderten Brot. Die Polizei löste die Demonstrationen auf. Die Stadt wurde zum Zentrum der Pazifisten: Der Sozialist Kurt Eisner agitierte gegen den Krieg.
Kriegsende und Revolution
Am 11. November 1918 trat der Waffenstillstand von Compiègne in Kraft. In München kehrten die Soldaten abgemagert und ohne Illusionen zurück. König Ludwig III. floh am 7. November aus Angst vor einem Aufstand. Kurt Eisner proklamierte den Freistaat Bayern – die erste Republik. Doch die Ermordung Eisners im Februar 1919 führte zum Chaos. Am 7. April wurde die Bayerische Räterepublik unter Ernst Toller ausgerufen. Kommunisten übernahmen die Macht, aber am 3. Mai marschierte die Reichswehr (Regierungstruppen) in München ein. Es kam zu Straßenkämpfen: Barrikaden am Marienplatz, Maschinengewehrfeuer. Über 700 Tote, Tausende Verhaftete. Diese „Kämpfe um München“ waren die einzigen wirklichen Gefechte in der Stadt, allerdings erst nach dem Weltkrieg.

München wurde zur Wiege der Rechten: Hier entstand der Nationalsozialismus. Der Hitlerputsch von 1923 – ein Versuch Hitlers (einem Veteranen eines bayerischen Regiments), die Regierung zu stürzen.
Münchens Erbe
Der Erste Weltkrieg hinterließ in München keine Ruinen wie in Lille oder Reims, raubte aber die Seelen. Die Stadt, die 100.000 Söhne an die Front geschickt hatte, erhielt 70.000 Versehrte zurück. Heute erinnert das Kriegerdenkmal auf dem Westfriedhof daran. Ausstellungen im NS-Dokumentationszentrum und im Jüdischen Museum beleuchten die Traumata: vom anfänglichen Enthusiasmus bis zur völligen Verzweiflung. Die Kämpfe „um München“ waren keine lokalen Schlachten, sondern eine globale Tragödie, in der die Bayern mit ihrem Blut für imperiale Ambitionen bezahlten. Der Krieg formte das moderne Europa, und München steht als Symbol der Widerstandsfähigkeit: Aus den Trümmern der Revolution erwuchs ein Zentrum des Friedens.